Zweieinhalb Jahre nach dem Wärmeplanungsgesetz hakt die kommunale Wärmewende überwiegend an einer Stelle: Kommunen, Versorger und Beratungsbüros müssten gemeinsam liefern und finden im Alltag kaum zueinander. Wissen wird dreimal erarbeitet, Beratungskapazität bleibt ungleich verteilt, und ein Klimaschutzmanager in einer 12.000-Einwohner-Gemeinde steht vor demselben Engpass wie hundert andere im selben Bundesland, ohne es zu wissen. Mit der Wärme-Kommunity entwickeln wir als Campus-EW GmbH gemeinsam mit der Hochschule Worms zwischen April 2026 und März 2028 eine vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im IGP-Programm geförderte Plattform, die diese drei Welten strukturiert vernetzen soll. Namensgebung: Wärme + Kommune + Unity = Wärme-„K“ommunity.
1. Der teuerste Engpass der Wärmewende ist kein Rohr und kein Kessel
Wenn ich in den letzten Monaten mit Klimaschutzmanagern, Bauamtsleiterinnen und Stadtwerk-Strategen oder Kooperationspartnern über kommunale Wärmeplanung gesprochen habe, fiel immer wieder derselbe Satz: „Wir wissen, dass wir liefern müssen. Wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen, und vor allem nicht, wer uns dabei helfen kann.“
Das ist die eigentliche Diagnose der deutschen Wärmewende, zweieinhalb Jahre nach dem Beschluss des Wärmeplanungsgesetzes. Wir reden viel über Wärmepumpen-Hochlauf, über die Verfügbarkeit grüner Fernwärme, über CO₂-Bepreisung und Förderkulissen. Das alles stimmt. Aber der erste Engpass ist kein technischer und kein finanzieller. Es ist ein Informations- und Koordinationsengpass: Die drei Gruppen, die zusammen liefern müssten (Kommunen, regulierte Versorger und Beratungsunternehmen), finden im Alltag kaum zueinander. Wissen wird dreimal erarbeitet, statt einmal geteilt. Fehler wiederholen sich, weil niemand die Lessons Learned aus dem Nachbarlandkreis kennt. Und Beratungskapazität bleibt unausgelastet, während Kommunen sich in der Anfangsphase im Kreis drehen.
Genau hier setzt das Projekt an, das ich heute vorstellen möchte: die Wärme-Kommunity, eine digitale Plattform, die wir als Campus-EW GmbH gemeinsam mit der Hochschule Worms im Rahmen des IGP-Programms des Bundes von April 2026 bis März 2028 entwickeln. Ich beschreibe in diesem Artikel, warum wir das tun, warum genau jetzt und was die Plattform konkret leisten soll
2. Die drei Welten, die zusammen liefern müssen
Wer die kommunale Wärmewende organisieren will, hat es im Wesentlichen mit drei Gruppen zu tun, die alle dasselbe Ziel haben, aber im Alltag völlig unterschiedliche Realitäten erleben.
Die erste Welt sind die Kommunen, und zwar vor allem die kleinen und mittleren mit weniger als 50.000 Einwohnern. Das sind über 10.000 deutsche Gemeinden¹, rund 95 % aller Gebietskörperschaften. Sie haben in der Regel keine eigene Fachstelle für Wärmeplanung. Die Aufgabe liegt beim Klimaschutzmanager, der parallel das Förder-Controlling für die Photovoltaik-Offensive macht. Oder beim Bauamtsleiter, der nebenbei das Sanierungsmanagement koordiniert. Oder bei der Kämmerin, die im Stellenplan keine halbe VZÄ für Wärmeplanung übrig hat. Diese Personen sind fachlich kompetent, aber strukturell überlastet. Sie brauchen weniger ein weiteres Whitepaper und mehr eine handhabbare Antwort auf die Frage: „Was tue ich nächste Woche, in welcher Reihenfolge, und mit wem?“
Die zweite Welt sind die regulierten Versorger: Stadtwerke, Netzbetreiber, kommunale Wohnungsbaugesellschaften. Sie sind durch WPG, das Gebäudeenergiegesetz (GEG, derzeit in Reform als Gebäudemodernisierungsgesetz GModG mit Kabinettsentwurf vom 13.05.2026) und das EnWG direkt betroffen. Investitionsentscheidungen über zehn bis dreißig Jahre stehen an: Bleibt das Gasnetz, wird es zum Wasserstoff-Verteilnetz, wird ein Wärmenetz parallel gebaut, oder verlagert sich die Versorgung dezentral auf Wärmepumpen? Diese Entscheidungen treffen Versorger oft im Halbdunkel, ohne belastbaren Überblick darüber, was andere Stadtwerke in vergleichbarer Lage tun und wie die kommunale Planung im eigenen Versorgungsgebiet konkret läuft, selbst dann, wenn der Eigner derselbe ist.
Die dritte Welt sind die Beratungs- und Planungsbüros, von der Drei-Personen-Energieberatung bis zum mittelgroßen Ingenieurbüro. Sie könnten und wollen Kommunen unterstützen. Aber sie haben ein Sichtbarkeitsproblem: Ohne Rahmenvertrag oder bestehende Beziehung kommen kleinere Büros kaum an kommunale Ausschreibungen heran. Und selbst wenn der Kontakt zustande kommt, fehlt oft eine gemeinsame Sprache: Die Kommune formuliert in Verwaltungslogik, das Büro in Ingenieurlogik, beide reden über dieselbe Aufgabe und meinen unterschiedliche Dinge.
Was diese drei Welten verbindet, ist nicht das Problem, sondern die Ressourcen-Verschwendung. Wissen wird mehrfach erarbeitet. Beratungskapazität bleibt regional ungleich verteilt. Erfahrungswerte aus erfolgreichen Pilotprojekten zirkulieren nicht in die Fläche. Das Ergebnis ist ein Transformationsprozess, der langsamer und teurer verläuft als nötig. Und das auf einem Sektor, der rund die Hälfte des deutschen Endenergieverbrauchs ausmacht².
3. WPG: Auftrag ohne Apparat
Das Wärmeplanungsgesetz ist seit dem 1. Januar 2024 in Kraft³. Es verpflichtet Bundesländer und Kommunen, in einem gestaffelten Verfahren kommunale Wärmepläne zu erstellen: Großstädte über 100.000 Einwohner bis zum 30. Juni 2026, kleinere Kommunen bis zum 30. Juni 2028³. Ein kommunaler Wärmeplan ist dabei keine politische Absichtserklärung, sondern ein methodisch definiertes Dokument: Bestandsanalyse, Potenzialanalyse, Zielszenario, Umsetzungsstrategie³. Jede dieser Stufen erfordert Fachwissen, Datenzugang und ein abgestimmtes Vorgehen mit den Versorgern vor Ort.
Auf dem Papier ist das ein klarer Auftrag. In der Praxis prallt er auf eine Verwaltung, die diese Aufgabe strukturell nie zugewiesen bekommen hat. Wer jetzt erstmals plant, beginnt nicht bei Null, sondern im Minus, weil weder Personal noch Methodenkompetenz noch Datenbasis bereitstehen.
Das ist der Punkt, an dem die meisten Kommunen externe Unterstützung suchen. Und genau hier entsteht das nächste Reibungsproblem: Die Beratungsbranche ist da, aber Nachfrage und Angebot finden sich nicht effizient. Ein Klimaschutzmanager, der zum ersten Mal eine Bestandsanalyse vergeben muss, weiß nicht, welche Büros qualifiziert sind, welche Referenzen belastbar sind und welche Größenordnung an Aufwand realistisch ist. Ein Planungsbüro, das fachlich passend wäre, taucht in der Region nicht auf, weil es nicht im richtigen Verteiler steht. Beide Seiten verlieren Zeit, und die Zeit ist der knappste Posten in einem WPG-Verfahren mit Frist.
4. Was die Wärme-Kommunity konkret leistet
Die Wärme-Kommunity ist deshalb bewusst kein weiteres Informationsportal und kein weiterer Branchen-Newsletter. Davon gibt es genug. Die Plattform ist ein strukturierter Ort für Austausch, Wissenstransfer und konkrete Zusammenarbeit rund um kommunale Wärmeplanung und Wärmewende. Sechs Funktionsbereiche greifen ineinander:
- Ein Forum mit themen-, regional- und phasenbasierten Kategorien, in dem Klimaschutzmanagerinnen aus vergleichbaren Kommunen sich gegenseitig fragen können, was sie sonst nur in Bundesweit-Telefonaten erfahren würden.
- Eine Wissensdatenbank mit Leitfäden, Methodik-Updates und regulatorischen Einordnungen, die so geschrieben sind, dass sie an einer Stelle die Fragen beantworten, mit denen ein WPG-Verfahren in der Praxis startet.
- Eine Projektbörse, über die Kommunen Beratungsbedarfe einstellen und qualifizierte Büros sich gezielt bewerben können, auch dann, wenn sie keinen Rahmenvertrag und keinen vorhandenen Verteiler-Zugang haben.
- Ein Berater-Verzeichnis mit Profilen, Leistungsspektrum, Referenzprojekten und Zertifizierungen, durchsuchbar nach Region und Spezialisierung.
- Expertensprechstunden, die thematisch fokussiert und kurzfristig buchbar sind, gedacht für die Situationen, in denen eine 30-Minuten-Klärung weiterhilft als ein halbes Beratungsmandat.
- Ein Regulierungsradar mit Push-Benachrichtigungen, der Versorger und Kommunen über Gesetzesänderungen mit konkretem Praxisbezug informiert, bevor die Information über Newsletter und Verbandsrundschreiben verzögert ankommt.
Der entscheidende Punkt ist die Verzahnung. Ein Klimaschutzmanager, der im Forum über Anwohner-Skepsis bei einem Wärmenetz-Projekt diskutiert, findet im selben Werkzeug die methodische Einordnung, das passende Beratungsbüro in seiner Region und das nächste Webinar zum Thema kommunale Beteiligungsprozesse. Wir denken die Plattform nicht als Marktplatz und nicht als Bibliothek, sondern als strukturierte Infrastruktur für eine Transformationsaufgabe: die richtigen Akteure am richtigen Ort zur richtigen Frage.
5. Warum die Förderzusage für unser Projekt inhaltlich Gewicht hat
Wir entwickeln die Wärme-Kommunity nicht aus dem laufenden Geschäftsbetrieb heraus, sondern im Rahmen eines bewilligten Verbundprojekts der IGP-Förderrichtlinie des Bundes⁴. IGP steht für „Innovationsprogramm für Geschäftsmodelle und Pionierlösungen“ und ist ein Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE, vormals BMWK). Es adressiert eine Lücke in der deutschen Forschungs- und Innovationsförderung: Viele relevante Innovationen entstehen nicht im Labor, sondern in neuen Formen der Vernetzung, neuen Marktstrukturen oder neuen Wegen, bestehendes Wissen zugänglich zu machen, also genau in dem Feld, in dem klassische Technologieförderung nicht greift.
Die Förderung im IGP erfolgt im Wettbewerb. Im 2. Call (dem IGP-Förderaufruf „Geschäftsmodelle und Pionierlösungen für besseres Lernen und Arbeiten“) haben wir gemeinsam mit der Hochschule Worms eine Projektidee eingereicht, die von einer unabhängigen Jury nach gesellschaftlicher Relevanz, Qualität des Geschäftsmodellansatzes, Realisierbarkeit und Skalierungspotenzial bewertet wurde. Dass die Wärme-Kommunity in diesem Wettbewerb ausgewählt und direkt bewilligt wurde, lese ich nicht als Auszeichnung für unser Konsortium, sondern als inhaltliche Bestätigung der Diagnose: Eine sektorübergreifende Plattform für die kommunale Wärmewende, die Kommunen, Versorger und Berater strukturiert vernetzt, gilt einer fachlich besetzten Jury als förderwürdig und zukunftsrelevant.
Die Aufgabenteilung im Verbund: Die Campus-EW GmbH verantwortet als Koordinator die Plattformentwicklung, den Community-Aufbau und die Markteinführung. Die Hochschule Worms bringt wissenschaftliche Expertise in Anforderungsanalyse, Evaluation und Wirkungsmessung ein. Diese Kombination aus Praxisorientierung und wissenschaftlicher Begleitung ist charakteristisch für das IGP-Format und soll sicherstellen, dass das Projekt nicht nur funktioniert, sondern auch belastbar evaluiert und für den Anwendungsfall Wärmeplanung passend kalibriert wird.
6. Was die Plattform allein nicht löst
Ich finde es wichtig, an dieser Stelle einen Punkt offen zu kommunizieren, an dem ich selbst noch ein Fragezeichen sehe. Eine Plattform allein löst kein Strukturproblem. Wenn Klimaschutzmanager heute keine Zeit haben, fünf Newsletter zu lesen, werden sie auch keine Zeit haben, ein weiteres Tool zu öffnen, es sei denn, dieses Tool nimmt ihnen mehr Arbeit ab, als es ihnen aufträgt. Das ist die eigentliche Designaufgabe: Die Wärme-Kommunity muss vom ersten Login an einen messbaren Zeitvorteil liefern, nicht erst nach drei Monaten Communityaufbau. Sonst landet sie in derselben Schublade wie die meisten Wissensportale, die im öffentlich geförderten Raum entstanden sind und nach Projektende verstauben.
Daraus ergibt sich für mich ein klarer Konstruktionsgrundsatz: Wir bauen die Plattform nicht für die Branche, sondern für konkrete Arbeitsmomente, den Moment, in dem ein Kämmerer den ersten Beratungsbedarf ausschreiben muss; den Moment, in dem eine Stadtwerk-Strategin einschätzen will, was das WPG für ihren Versorgungsbezirk bedeutet; den Moment, in dem ein Ingenieurbüro herausfinden will, wo es mit seinen Referenzen real Aussicht auf Aufträge hat. Wenn jeder dieser Momente in der Plattform schneller endet als in der Alternative (Google plus Newsletter plus Verbandsanfrage), dann funktioniert das Modell.
7. Mitmachen statt zuschauen
Wir sind aktuell in der Datenerhebungsphase. Das heißt: Wir führen Gespräche mit Praktikerinnen und Praktikern aus allen drei Welten, um die Plattform nicht aus dem Konferenzraum, sondern aus dem Arbeitsalltag heraus zu entwerfen. Konkret laufen zwei Formate parallel: eine Umfrage zur kommunalen Wärmeplanung, in der wir strukturiert erheben, an welchen Stellen es im WPG-Verfahren konkret hakt und welche Werkzeuge fehlen, sowie eine Reihe vertraulicher Kurz-Interviews (etwa 30 Minuten) mit Akteuren rund um die kommunale Wärmeplanung.
Wer in einer dieser drei Welten arbeitet und Lust hat, die Plattform zu schärfen statt nur zu konsumieren, kann sich direkt bei uns melden. Die Beiträge fließen pseudonymisiert in die Anforderungsanalyse und in die Begleitung durch die Hochschule Worms ein. Die Plattform geht im vierten Quartal 2026 in eine geschlossene Beta. Und genau die Stimmen, die jetzt mitgestalten, werden den Unterschied machen, ob daraus ein Werkzeug für den Arbeitsalltag wird
Die Wärmewende wird nicht an der Technik scheitern. Sie wird daran scheitern, dass die Akteure, die sie umsetzen müssen, sich nicht finden oder eine andere Sprache sprechen. Wir wollen das ändern.
Quellen
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¹ Statistisches Bundesamt, Gemeindeverzeichnis Stand 31.12.2023: 10.775 Gemeinden in Deutschland, davon 84 Großstädte mit über 100.000 Einwohnern.
² Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Energieeffizienz in Zahlen 2025.
³ Wärmeplanungsgesetz (WPG) vom 20.12.2023, BGBl. I Nr. 394, in Kraft getreten am 01.01.2024.
⁴ Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Förderrichtlinie IGP (Innovationsprogramm für Geschäftsmodelle und Pionierlösungen), 2. Call „Besseres Lernen und Arbeiten“