Große Erdgasleitung in einer ländlichen Umgebung unter blauem Himmel.
© Bild KI-generiert | Campus-EW
Zukunft der Erdgasverteilnetze – Welche Optionen haben Netzbetreiber?
Vom Wachstumsnetz zur Transformationsaufgabe: Erdgasverteilnetze stehen vor strategischen Entscheidungen zwischen Wasserstoff, Biomethan und geordneter Stilllegung.

von Alexander Klügl

veröffentlicht: 24.06.2026, 12:09 Uhr
Lesezeit: ( Wörter: )

Erdgasnetze wurden über Jahrzehnte für Wachstum geplant. Die Zahl der angeschlossenen Kunden stieg kontinuierlich, neue Baugebiete wurden erschlossen und die Investitionen konnten auf immer mehr Anschlussnehmer verteilt werden. Diese Entwicklung hat sich grundlegend geändert.

Heute ist absehbar, dass der Erdgasverbrauch in Deutschland langfristig deutlich zurückgehen wird. Gründe dafür sind die Klimaschutzziele, steigende CO₂-Kosten, die zunehmende Elektrifizierung des Wärmesektors durch Wärmepumpen sowie die wachsende Unsicherheit über die zukünftige Rolle von Erdgas. Neue Gasanschlüsse werden kaum noch nachgefragt. Stattdessen entscheiden sich viele Eigentümer bereits heute für alternative Heizsysteme.

Inhalte anzeigen

Heute ist absehbar, dass der Erdgasverbrauch in Deutschland langfristig deutlich zurückgehen wird. Gründe dafür sind die Klimaschutzziele, steigende CO₂-Kosten, die zunehmende Elektrifizierung des Wärmesektors durch Wärmepumpen sowie die wachsende Unsicherheit über die zukünftige Rolle von Erdgas. Neue Gasanschlüsse werden kaum noch nachgefragt. Stattdessen entscheiden sich viele Eigentümer bereits heute für alternative Heizsysteme.

Für Gasnetzbetreiber stellt sich deshalb die zentrale Frage: Wie kann mit einer Infrastruktur umgegangen werden, die ursprünglich für Wachstum gebaut wurde, künftig aber immer weniger genutzt wird? Für Gasnetzbetreiber existieren im Moment nur drei Optionen. Für Gasnetzbetreiber zeichnen sich derzeit drei grundsätzliche Transformationspfade ab. Während Wasserstoff und Biomethan in bestimmten Anwendungsfällen eine Rolle spielen können, bestehen hinsichtlich ihrer flächendeckenden Verfügbarkeit erhebliche Unsicherheiten. Daher gewinnt die geordnete Stilllegung von Netzteilen zunehmend an Bedeutung. In welchem Umfang und in welcher Geschwindigkeit der Rückbau stattfinden wird, ist sehr stark von den unterschiedlichen Voraussetzungen der Netzbetreiber abhängig. Die für diesen Transformationsprozess erforderlichen rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen sind aktuell noch nicht final geklärt, sodass die Netzbetreiber viele Entscheidungen auf Basis von unsicheren Parametern treffen müssen.

Option 1: Weiterbetrieb mit Wasserstoff

Häufig wird vorgeschlagen, bestehende Gasnetze künftig mit Wasserstoff zu betreiben. Auf den ersten Blick erscheint dies attraktiv, weil vorhandene Leitungen weiter genutzt werden könnten. Bei näherer Betrachtung ergeben sich jedoch erhebliche Probleme.

Erstens ist unklar, ob überhaupt ausreichend Wasserstoff zur Verfügung stehen wird. Die verfügbaren Mengen werden auf absehbare Zeit begrenzt sein und vorrangig dort eingesetzt werden, wo es keine praktikablen Alternativen gibt, beispielsweise in der Stahlindustrie, Chemieindustrie oder im Luft- und Schiffsverkehr.

Zweitens ist die Umstellung technisch aufwendig. Leitungen, Verdichteranlagen, Mess- und Regeltechnik sowie viele Kundenanlagen müssen angepasst oder ersetzt werden. Nicht jedes bestehende Netz eignet sich ohne Weiteres für den Betrieb mit Wasserstoff.

Drittens wird Wasserstoff deutlich teurer sein als die direkte Nutzung von Strom, da bei Herstellung, Transport und Nutzung von Wasserstoff erhebliche Energiemengen verlorengehen. Eine Wärmepumpe erzeugt aus derselben Energiemenge ein Vielfaches an nutzbarer Wärme. Für die Gebäudeheizung ist Wasserstoff daher wirtschaftlich kaum konkurrenzfähig.

Die Folge: Selbst wenn Wasserstoff künftig eine wichtige Rolle spielt, wird dies wahrscheinlich nur in ausgewählten Industrie- und Transportsektoren geschehen. Ein flächendeckendes Wasserstoffverteilnetz mit Millionen Haushaltskunden erscheint aus heutiger Sicht wenig realistisch.

Bewertung: Für einzelne Regionen oder Industriecluster denkbar, als flächendeckende Zukunftslösung für heutige Erdgasverteilnetze jedoch eher unwahrscheinlich.

Option 2: Weiterbetrieb mit Biogas oder Biomethan

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Erdgas schrittweise durch Biomethan zu ersetzen. Der Gesetzgeber verfolgt derzeit im Gebäudemodernisierungsgesetz den Ansatz einer sogenannten „Biotreppe“. Danach sollen neue Gasheizungen schrittweise steigende Anteile erneuerbarer Gase einsetzen. Ergänzt wird dies durch die Vorgabe für Lieferanten, eine Grüngasquote für alle Kunden, also auch bestehende Heizungen – einzuhalten. Beide Komponenten sind aktuell noch nicht vollständig ausgearbeitet, sodass die tatsächlich erforderlichen Mengen an Biogas noch nicht sicher abgeschätzt werden können.

Das Hauptproblem liegt jedoch in der Verfügbarkeit. Die nachhaltigen Potenziale für Biogas und Biomethan sind begrenzt. Die nachhaltig erschließbaren Biomethanpotenziale liegen deutlich unter dem heutigen Erdgasverbrauch. Selbst bei einer umfassenden Nutzung verfügbarer Rest- und Abfallstoffe könnte nur ein Teil des bisherigen Bedarfs gedeckt werden. Bei Verwendung von Energiepflanzen zur Herstellung des Biogases bestehen aufgrund der begrenzten Agrarfläche Nutzungskonkurrenzen zur Nahrungsmittelproduktion sowie zum Natur- und Umweltschutz.

Ob die hierfür erforderlichen Biomethanmengen tatsächlich verfügbar sein werden, ist entsprechend stark umstritten. Viele Experten bezweifeln, dass die Potenziale ausreichen, um einen großen Teil des heutigen Gasmarktes dauerhaft zu versorgen.

Bewertung: Biogas kann regional und ergänzend eine wichtige Rolle spielen. Als flächendeckender Ersatz für Erdgas erscheint die verfügbare Menge jedoch zu gering.

Option 3: Geordnete Stilllegung der Netze

Vor diesem Hintergrund bleibt vielen Netzbetreibern langfristig vor allem die Möglichkeit einer schrittweisen Stilllegung ihrer Netze.

Dies bedeutet nicht, dass Gasnetze kurzfristig verschwinden werden. Vielmehr ist mit einem jahrzehntelangen Transformationsprozess zu rechnen. Einzelne Netzabschnitte werden nach und nach außer Betrieb genommen, während andere Bereiche möglicherweise noch längere Zeit genutzt werden.

Das Problem besteht darin, dass Netzbetreiber diesen Prozess nur begrenzt steuern können. Sie wissen nicht, welche Kunden als Nächstes auf Wärmepumpen, Fernwärme oder andere Heizsysteme umsteigen werden. Dadurch können einzelne Netzbereiche plötzlich sehr wenige Kunden versorgen, während die Infrastrukturkosten nahezu unverändert bleiben.

Je weniger Kunden an einem Netz hängen, desto höher werden die Kosten pro verbleibenden Anschluss. Dadurch kann ein sich selbst verstärkender Effekt entstehen: Steigende Netzkosten führen zu weiteren Kundenabwanderungen, wodurch die Kosten erneut steigen. Für Netzbetreiber wird deshalb die Identifikation wirtschaftlich zusammenhängender Teilnetze zu einer zentralen Managementaufgabe.

Bewertung: Aus heutiger Sicht ist die schrittweise Stilllegung vieler Erdgasverteilnetze die wahrscheinlichste Entwicklung.

Offene rechtliche Fragen

Der regulatorische Rahmen befindet sich derzeit im Umbau.

Positiv aus Sicht der Netzbetreiber ist, dass die Regulierungsbehörden künftig eine schnellere Abschreibung von Gasnetzen ermöglichen wollen. Dadurch sollen Investitionen bereits vor dem Jahr 2045 wirtschaftlich zurück verdient werden können.

Allerdings bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich der praktischen Umsetzung.

Im Entwurf des Energiewirtschaftsgesetzes ist vorgesehen, dass Netzbetreiber künftig einen Verteilnetzentwicklungsplan erstellen. Darin sollen sie teilweise bereits zehn Jahre im Voraus festlegen, welche Netzbereiche stillgelegt werden.

Aus Sicht der Kunden schafft dies Planungssicherheit. Für Netzbetreiber ist ein so langer Planungshorizont jedoch schwierig. Niemand kann heute zuverlässig vorhersagen, wie viele Kunden in zehn Jahren noch an einem bestimmten Netzabschnitt angeschlossen sein werden. Technologische Entwicklungen oder politische Entscheidungen können die Situation innerhalb weniger Jahre grundlegend verändern.

Eine weitere offene Frage betrifft auslaufende Gaskonzessionen. Viele Konzessionsverträge laufen in den 2030er- und 2040er-Jahren aus. Dann stellt sich die Frage, ob Netzbetreiber überhaupt noch Interesse haben, sich erneut um eine Konzession für ein schrumpfendes Gasnetz zu bewerben. Zwar sieht der Gesetzgeber derzeit Regelungen vor, die einen Weiterbetrieb sicherstellen sollen, wenn sich kein neuer Betreiber findet. Dennoch bleiben praktische Fragen offen.

Was geschieht beispielsweise, wenn ein Betreiber wirtschaftlich nicht mehr in der Lage ist, das Netz weiterzuführen? Oder wenn die Zahl der verbleibenden Kunden so gering wird, dass ein wirtschaftlicher Betrieb nicht mehr möglich erscheint? Für solche Fälle existieren bislang noch keine vollständig ausgereiften Lösungen.

Fazit und Blick in die Zukunft

Die Rahmenbedingungen für Erdgasverteilnetze haben sich grundlegend verändert. Wachstum findet kaum noch statt, während die langfristigen Klimaschutzziele einen deutlichen Rückgang des Erdgasverbrauchs vorgeben.

Wasserstoff wird voraussichtlich nur in ausgewählten Bereichen eingesetzt werden und eignet sich kaum als flächendeckender Ersatz für heutige Gasverteilnetze. Auch Biogas kann aufgrund begrenzter Potenziale nur einen Teil des bisherigen Erdgasbedarfs decken.

Damit spricht vieles dafür, dass ein großer Teil der heutigen Erdgasverteilnetze langfristig geordnet zurück gebaut werden muss. Die entscheidenden Herausforderungen liegen dabei weniger in der Technik als vielmehr in der Regulierung, Finanzierung und Organisation dieses Transformationsprozesses.

Die entscheidende Frage lautet künftig nicht mehr, ob Gasnetze transformiert werden müssen, sondern welche Netzteile langfristig weiterbetrieben und welche geordnet stillgelegt werden sollen. Netzbetreiber sollten deshalb die Zeit nutzen und proaktiv ihre Netze unter den vorgenannten Aspekten neu bewerten. Insbesondere sollten alle Netze in kleinteilige Segmente unterteilt werden, die hydraulisch vom Hauptnetz abgetrennt werden können, wenn der Absatz einen individuell zu definierenden kritischen Wert unterschreitet. Mit diesen Abschnitten kann dann der Verteilnetzentwicklungsplan erarbeitet und darauf basierend die entsprechende Abschreibungsstrategie implementiert werden.

Interesse geweckt?

Wie können Gasnetzbetreiber ihre Netze strategisch auf eine Zukunft mit sinkendem Gasabsatz vorbereiten? Welche Rolle werden Wasserstoff, Biomethan und Netzstilllegungen tatsächlich spielen? Und welche regulatorischen Anforderungen kommen in den nächsten Jahren auf die Branche zu?

Antworten auf diese und weitere Fragen vermittelt das Seminar „Zukunft der Erdgasverteilnetze – Strategien für Netzbetreiber“ von Campus-EW. Das Seminar beleuchtet die aktuellen gesetzlichen Entwicklungen, diskutiert mögliche Transformationspfade und zeigt auf, wie Netzbetreiber bereits heute die richtigen Weichen für die Zukunft stellen können.

Quellen

Quellen anzeigen

Der Autor

  • Professioneller Mann in Businesskleidung, symbolisiert Bildung und Karriere bei Campus-EW.

    Alexander Klügl

    Consultant

    Alexander Klügl ist seit 1992 in der Energiebranche tätig und berät heute als Senior Consultant der Campus-EW Unternehmen der Energiewirtschaft. Bis 2026 verantwortete er bei der RheinNetz GmbH den Netzzugang und die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben.

    Thematische Schwerpunkte:
    Marktprozesse · Standardlastprofilen · Gasabrechnung · Wasserstoff- und Biogaseinspeisung · Anreizregulierung und Netzentgelte