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Energy Sharing seit Juni 2026: Was es ist, was es bedeutet und für wen es sinnvoll ist

Grundlagen, Rechtsrahmen und Akteure. Ein Rundumblick zum Einstieg zu Energy Sharing

von Marcel Linnenmann

veröffentlicht: 01.07.2026, 13:40 Uhr

Lesezeit: ( Wörter: )

Update | 29.06.2026

Energy Sharing ist seit dem 1. Juni 2026 mit § 42c EnWG gesetzlich möglich. Die aktuelle Einordnung der Bundesnetzagentur vom 7. Juli 2026 zeigt jedoch: Entscheidend ist nun vor allem die praktische Umsetzung innerhalb der bestehenden Strommarktprozesse.

Die Bundesnetzagentur stellt klar, dass Energy Sharing nicht als einfacher Nachbarschaftsstrom funktioniert, sondern sauber in Bilanzierung, Marktkommunikation, Lieferprozesse und Reststromversorgung eingebunden werden muss. Besonders relevant ist dabei das Dienstleistungsmodell: Sharing-Lieferanten können spezialisierte Dienstleister einbinden, die Abrechnung, Marktkommunikation, Bilanzierung und gegebenenfalls Reststrombelieferung übernehmen.

Damit wird Energy Sharing stärker zu einem professionell organisierten Marktprozess. Für Netzbetreiber, Messstellenbetreiber, Lieferanten, Direktvermarkter und Dienstleister entstehen neue Aufgaben rund um Messwerte, Aufteilungsschlüssel, Datenprozesse und Vertragsmodelle.

Der aktuelle Stand: Energy Sharing ist rechtlich gestartet. Der Weg in den Regelbetrieb hängt jedoch davon ab, ob die Marktrollen praktikable Prozesse, verständliche Angebote und tragfähige Dienstleistungsmodelle entwickeln.

Seit dem 1. Juni 2026 ist Energy Sharing in Deutschland Realität: Mit §42c EnWG dürfen Bürgerinnen, Bürger und kleine Unternehmen Strom aus einer Erneuerbaren-Anlage gemeinsam nutzen. Dieser Beitrag erklärt die Grundidee, ordnet den Rechtsrahmen ein und stellt die beteiligten Akteure und Objekte vor – als kompakter Einstieg für alle, die mit dem Thema neu zu tun haben.

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Was Energy Sharing ist – und was nicht

Energy Sharing macht Strom aus einer Erneuerbaren-Anlage für mehrere Verbraucher nutzbar – und zwar rechnerisch, nicht über eine Direktleitung. Die Anlage speist wie gewohnt ins öffentliche Netz ein; die Zuordnung zu den Teilnehmern erfolgt anschließend über Berechnungsformeln. Es wird also keine neue Infrastruktur verlegt, sondern eine bilanzielle Klammer um vorhandene Anschlüsse gelegt.

Grafik zeigt Energie Sharing Prozess mit EE-Anlage, öffentlichem Netz und Verbrauchermarktplätzen.
Abb. 1: Die Grundidee – Strom fließt physikalisch über das Netz, die Zuordnung erfolgt rechnerisch. Quelle: Campus Energy Academy.

Drei Aspekte machen den Reiz aus: mehr Vor-Ort-Verbrauch des lokal erzeugten Stroms, Teilen statt Einzelnutzung einer Anlage und ein wirtschaftlicher Anreiz auch für Anschlussnutzer ohne eigene Anlage. Wichtig ist die Abgrenzung zu verwandten Modellen: Energy Sharing ist nicht Mieterstrom, nicht gemeinsame Gebäudeversorgung und kein PPA. Anders als beim Mieterstrom sind die Teilnehmer nicht auf ein Gebäude beschränkt, und anders als beim PPA steht kein bilateraler Liefervertrag über eine Direktleitung im Mittelpunkt, sondern die rechnerische Zuordnung über das öffentliche Netz.

Woher das Konzept kommt: der Rechtsrahmen

Energy Sharing wurzelt im europäischen Leitbild der Bürgerenergie – dem Bild des aktiven Kunden bzw. Prosumers. Über das Clean Energy Package und die Richtlinien RED II und Strombinnenmarkt-Richtlinie (EU) 2019/944 wurde aus dem Leitbild eine deutsche Umsetzungspflicht. Das Recht von Endkunden, Energie gemeinsam zu nutzen, ist dort ausdrücklich verankert. Deutschland setzte die Vorgaben unter Zeitdruck und mitten im Regierungswechsel mit §42c EnWG als termingerechte Minimalumsetzung um – das Artikelgesetz trat am 23.12.2025 in Kraft und erfüllte die EU-Frist sogar einen Monat früher. §42c bündelt das gesamte Energy Sharing in sieben Absätzen und lässt Preisbildung, Netzentgelthöhe und Förderung bewusst offen. Diese Lücken füllen nachgelagerte Ebenen: die Festlegungen der Bundesnetzagentur und die BDEW-Anwendungshilfe, die sauber zwischen dem rechtlich vorgegebenen „Ob“ und dem praktisch nötigen „Wie“ trennt. Ergänzt wird §42c durch §20b EnWG, der die Netzbetreiber zu einer gemeinsamen Internetplattform verpflichtet.

Wer teilnehmen darf

Energy Sharing ist Bürgern und KMU vorbehalten. Zugelassen sind natürliche Personen sowie kleine und mittlere Unternehmen; die entscheidenden Nadelöhre sind der Gewerblichkeitsausschluss und die KMU-Schwelle. Für die Marktrollen gilt: Geteilt wird ausschließlich Strom aus Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien.

Auch räumlich ist die Teilnahme zunächst eng gefasst und öffnet sich stufenweise:

  • ab 01.06.2026: alle Marktlokationen im selben Bilanzierungsgebiet eines Verteilnetzbetreibers.
  • ab 01.06.2028: zusätzlich angrenzende Bilanzierungsgebiete derselben Regelzone – dann auch netzbetreiberübergreifend.
  • harte Außengrenze: die vier Regelzonen (50Hertz, Amprion, TenneT, TransnetBW).

Akteure, Rollen und die drei Objekte

Vier Kernrollen tragen jeden Verbund. Der Anlagenbetreiber ist Erzeuger und zugleich Lieferant des geteilten Stroms. Der Letztverbraucher nimmt den Strom ab und bleibt Schuldner aller Netzentgelte. Der Verteilnetzbetreiber ist die operative Schaltzentrale: Er stößt Energy Sharing an, meldet das „Lokationsbündel Energy“ und übermittelt die Berechnungsformeln. Der Messstellenbetreiber schließlich trägt eine kritische Doppelrolle – als MSB der Messlokation misst er physisch, als MSB der Marktlokation aggregiert er die Werte und liefert die Lastgänge an die Berechtigten.

Quer dazu wirken drei Marktdienstleister: der Aggregator als Geschäftsmodellträger, der Verbünde bündelt sowie Community-Management, Abrechnung und Marktkommunikation übernimmt; der Direktvermarkter auf der Erzeugungsseite, der die nicht geteilten Restmengen vermarktet; und der Reststromlieferant auf der Verbrauchsseite, der den Restbedarf über einen gewöhnlichen, frei wählbaren Liefervertrag deckt.

Strukturiert wird der Verbund über drei Objekte: die Messlokation (MeLo) als Ort der physikalischen Messung, die Marktlokation (MaLo) als Ort der bilanziellen Zuordnung und das Lokationsbündel Energy, das alle teilnehmenden Marktlokationen über die MaLo-ID der erzeugenden Anlage verklammert.

Abb. 2: Messlokation, Marktlokation und das verklammernde Lokationsbündel Energy. Quelle: Campus Energy Academy.

Datenfluss, Netzentgelte und Bilanzierung

Der Werteflow läuft in drei Stufen: Der MSB der Messlokation misst die physikalischen Werte, der MSB der Marktlokation veredelt sie zu Lastgängen, Monatsarbeitsmengen und Maximalleistung, und die Berechnungsformeln des Netzbetreibers bilden die Brücke zwischen Messung und bilanzieller Aufteilung. Bilanziell gilt der zentrale Merksatz: Für jede Viertelstunde wird nur saldiert, wie viel eingespeister Strom zeitgleich entnommen wird. Das Sharing-Konstrukt ist damit per Definition ausgeglichen – es braucht keinen eigenen Bilanzkreis, keine Prognose und keine Fahrplananmeldung.

An den Netzentgelten ändert Energy Sharing nichts. Wer Strom aus dem Netz entnimmt, zahlt Netzentgelte – auch wenn der Strom vom Nachbarn stammt. Schuldner bleibt stets der Letztverbraucher; Netzentgelt, Stromsteuer, Umlagen und Konzessionsabgabe fallen regulär an. Der wirtschaftliche Vorteil entsteht also nicht über Privilegien, sondern allein über den Sharing-Preis.

Aufteilungsschlüssel und Verträge

Das Herzstück jedes Verbunds ist der Aufteilungsschlüssel. Ein Beispiel verdeutlicht den Unterschied der Varianten: Eine erzeugende Marktlokation stellt in einer Viertelstunde 100 kWh bereit, drei Verbraucher fordern zusammen 110 kWh an. Ein statischer Schlüssel mit festen Anteilen (etwa 50/25/25 %) teilt nach der Regel „min(Verbrauch; fester Anteil)“ zu – dabei bleiben 15 kWh ungenutzt, geteilt werden 85 kWh. Ein dynamischer Schlüssel verteilt nach tatsächlichem Abnahmeverhalten und bringt die vollen 100 kWh zur Teilung. Statisch ist planbar, dynamisch ist bedarfsgerecht und holt 15 kWh mehr Eigenenergie heraus – um den Preis höherer abrechnungstechnischer Komplexität.

Vertraglich braucht jeder Teilnehmer zwei Verträge: einen Liefervertrag zwischen Anlagenbetreiber und Abnehmer über die Belieferung mit dem geteilten EE-Strom sowie den Vertrag zur gemeinsamen Nutzung nach §42c Abs. 3. Letzterer regelt mindestens den Nutzungsumfang – also wie viel Strom jede Verbrauchs-Marktlokation aus der Anlage beziehen darf –, den Verteilungsschlüssel und die Gegenleistung.

Ausblick: Was kommt - und worauf sich die Marktrollen einstellen sollten

Der Rechtsrahmen steht, doch das „Wie“ der operativen Umsetzung wird in den kommenden Jahren schrittweise konkretisiert. Drei Entwicklungslinien prägen den Fahrplan: die räumliche Öffnung von einem Bilanzierungsgebiet (ab 2026) auf angrenzende Gebiete derselben Regelzone (ab 2028), der Aufbau der gemeinsamen §20b-Plattform bis Ende 2027, die heute noch durch Interimsprozesse überbrückt wird, sowie die fortlaufende Konkretisierung durch BNetzA-Festlegungen, die Netzentgeltreform und die nächsten Versionen der BDEW-Anwendungshilfe. Bis dahin bleiben Detailfragen offen – etwa die genaue Sequenz zur Beendigung eines Bündels oder die standardisierte Netzentgeltabrechnung.

Für die einzelnen Marktrollen ergeben sich daraus konkrete Hausaufgaben:

  • Verteilnetzbetreiber: Interimsprozesse für Anmeldung, Validierung und Beendigung etablieren, die Übermittlung der Berechnungsformeln nach WiM Teil 2 beherrschen und die Migration auf die §20b-Plattform vorbereiten.
  • Messstellenbetreiber: die sieben Lastgänge sauber aggregieren und fristgerecht liefern, die Doppelrolle MeLo/MaLo organisatorisch trennen und belastbare SLA-Strukturen aufsetzen – denn unzureichende Datenqualität kann das Sharing beenden.
  • Lieferanten und Reststromlieferanten: Sharing-Mengen in der Marktkommunikation korrekt verarbeiten, Reststrom abrechnen und Modelle für die Netzentgeltabwicklung (per Hand, IT-Portal, später über die MaKo) vorhalten.
  • Aggregatoren und Direktvermarkter: Geschäftsmodelle, Community-Management und Abrechnung skalierbar aufbauen, den Aufteilungsschlüssel in maschinenlesbare Formeln übersetzen und die nicht geteilten Restmengen samt Marktprämie sauber vermarkten.

Hinzu kommen regulatorische Wechselwirkungen, die im Blick bleiben müssen – vom Zusammenspiel mit dem EEG (sonstige Direktvermarktung nach §21b, Sanktion nach §52 bei fehlerhafter Mengenaufteilung) über die Sonderfälle Speicher und Hybridanlagen bis zum geplanten Abschöpfungsmechanismus des EEG 2027. Wer die Grundlagen jetzt verstanden hat und die genannten Aufgaben frühzeitig angeht, kann Energy Sharing vom rechtlichen Rahmen in einen verlässlichen Regelbetrieb überführen – und ist auf die nächsten Ausbaustufen gut vorbereitet.

Interesse geweckt?

Wer Energy Sharing nicht nur grundsätzlich verstehen, sondern sicher in die Praxis einordnen möchte, sollte sich frühzeitig mit den neuen Prozessen, Marktrollen und rechtlichen Rahmenbedingungen beschäftigen. Unser Seminar bietet dafür einen kompakten und praxisnahen Einstieg, verständlich aufbereitet für Fachkräfte, Führungskräfte, Stadtwerke, Energieversorger, Beratungen sowie Marketing- und Kommunikationsverantwortliche in der Energiewirtschaft.

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Quellen

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Der Autor

  • Junger Mann mit Brille und Hemd vor neutralem Hintergrund.

    Marcel Linnenmann

    Wirt. Ing. Ing.

    Fachbuchautor, freier Dozent & leitende Position in der Energiewirtschaft

    Thematische Schwerpunkte:
    Energy Sharing · Grundlagen der Energiewirtschaft Strategische Einordnung und Positionierung innerhalb des Energiesektors ·  Messstellenbetrieb und Digitalisierung · Mieterstrom · BNetzA Data Hub · MaBIS-Hub